Ritzen

“Ritzen” ist ein umgangssprachliches Wort für selbstverletzendes Verhalten. Eltern, die sich erstmals mit selbstverletzendem Verhalten ihres Sohnes oder ihrer Tochter konfrontiert sehen, sind oftmals schockiert und fühlen sich rat- und hilflos. Oft beschleicht sie auch das beklemmende Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben: Schuld- und Schamgefühle, das Gefühl versagt zu haben stellen sich ein. Deshalb ist Aufklärung zu diesem aktuell brenzligen Thema notwendig und wichtig. Eltern möchten vor allem eins wissen: Was steckt hinter diesem Verhalten meines Kindes, welche Gefahren gehen von diesem Verhalten für mein Kind aus und wie kann ich meinem Kind helfen, von diesem Verhalten loszukommen? Diese Fragen sollen in diesem Artikel umfassend beantwortet werden.

Es gibt unterschiedliche Gründe für das Ritzen. Nicht immer steckt gleich eine psychische Erkrankung dahinter, sondern viele Kinder und Jugendliche probieren das Ritzen aus Neugier aus, weil die beste Freundin es tut, oder es in ihrer Clique, ihrer Klasse, gerade ‚in’ ist. Etliche imitieren es, weil ein bekannter Filmstar es tut. Das Ritzverhalten von Lindsay Lohan zum Beispiel wurde in allen Medien thematisiert. Das weckt die Neugier natürlich erst recht, und schlechtes Beispiel macht Schule.

Ein Grund sehr besorgt zu sein besteht für Eltern, wenn ihr Kind eine Aussprache über sein Ritzverhalten verweigert und dieses bereits über Monate andauert. Dauerhaftes Ritzverhalten ist ein Kriterium für eine psychische Erkrankung und dafür, professionellen Beistand zu suchen. Man weiß heute: Je länger das Ritzverhalten andauert, desto größer ist die Gefahr, dass das Verhalten sich verselbständigt und ins gewohnheitsmäßige Verhaltensrepertoire des Kindes, bzw. des Jugendlichen aufgenommen wird. Experten haben zudem herausgefunden, dass durch den Schmerz, der beim Ritzen verspürt wird, körpereigene Opiate (Endorphine) freigesetzt werden, die zu suchtartigem Ritzverhalten führen können. Je früher professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird, desto größer sind die Chancen, das selbstschädigende Verhalten zu beenden.

Was ist “Ritzen” eigentlich genau und was machen Ritzer?

Eine offizielle und häufig zitierte Definition, was Ritzen, bzw. selbstverletzendes Verhalten überhaupt ist, lautet folgendermaßen: “Selbstverletzendes Verhalten (SVV) ist eine funktionell motivierte, direkte und offene Verletzung oder Beschädigung des eigenen Körpers, die sozial nicht akzeptiert ist und nicht mit suizidalen Absichten einhergeht.”

Manchmal wird dieses Verhalten auch mit anderen Begriffen bezeichnet, wie zum Beispiel “autoaggressives Verhalten” oder Selbstverstümmelung. Ritzer verletzen sich also selbst mit Absicht, sie fügen sich Wunden und damit Schmerzen zu. Und dazu ist ihnen fast jedes Mittel recht.

Die häufigste Verletzung ist schneiden oder ritzen der Haut mit einer Rasierklinge, einem Messer, einer Glasscherbe oder einem Flaschenverschluss. Auch Scheren und Nadeln dienen als Instrumente für die Selbstverletzung; Ritzer nehmen, was zur Hand ist. Aber auch Kratzen, Kneifen mit den Fingernägeln, sowie Beißen bis Blut aus der Wunde tritt, sich selbst mit einem Hammer schlagen, gehören zu selbstverletzenden Verhaltensweisen. Weiterhin gehört auch das Abkratzen von Schorf, um das Abheilen einer Wunde hinauszuzögern oder unmöglich zu machen, zu den sich selbstverletzenden Verhaltensweisen. Nach offiziellen Statistiken verletzen sich 85 % der Ritzer an den Extremitäten, nur 15 % am Rumpf.
Ab welchem Alter sollten Eltern aufmerksam sein?

Selbstverletzendes Verhalten wird bei immer jüngeren Kindern aufgedeckt. Inzwischen sind Fälle von 9-jährigen Ritzern bekannt. Bis zum 13. Lebensjahr zeigen ungefähr 3% der Kinder selbstverletzendes Verhalten, danach wächst die Zahl rapide an: Bei den 14- bis 17-jährigen ritzen sich ca. 29% der Altersgruppe. Danach werden die Zahlen leicht rückläufig, bis es bei den über 20–jährigen wieder eine Zunahme des selbstverletzenden Verhaltens gibt.

Nach dem 30. Lebensjahr kommt das Ritzverhalten kaum noch vor. Die Zeitspanne, über die das Ritzen betrieben wird und Betroffene es ohne professionellen Beistand endlich schaffen, davon loszukommen beträgt manchmal bis zu 15 Jahre. Überdies ist Ritzverhalten bei Mädchen und jungen Frauen stärker ausgeprägt, als bei männlichen Kindern und Jugendlichen.

Warum tun Ritzer sich so etwas an?

Wie bereits erwähnt, findet sich ein Anteil Nachahmer unter den Ritzern, die dieses Verhalten aus Neugier imitieren. Diese Art der Selbstverletzung wird auch als oberflächliche oder gemäßigte Form der Selbstverletzung bezeichnet. Bei etlichen Kindern und Jugendlichen ist das Ritzen jedoch eine Reaktion auf belastende Umstände, von denen sie sich überfordert fühlen. Es bekommt in diesem Zusammenhang den Charakter einer Bewältigungsstrategie. Viele Betroffene gaben an, sie würden sich ritzen um damit unerträgliche emotionale Spannungszustände zu beenden, um zu spüren, dass sie am Leben sind, oder um innere Leere, Einsamkeitsgefühle oder Angst nicht spüren zu müssen. Manche gaben an, dass sie sich ritzen, um sich selbst zu bestrafen. Die meisten Menschen können diese Begründungen nicht nachvollziehen. Sie sind schockiert und fühlen sich verstört und abgestoßen; sie stehen diesem Verhalten rat- und hilflos gegenüber.

Ritzen ist in unserem Kulturkreis ein Verhalten, dass gesellschaftlich abgelehnt wird und denjenigen, der es tut stigmatisiert und ausgrenzt.

An welchen Warnsignalen können Eltern erkennen, ob ihr Kind sich ritzt?

Ritzer wissen, dass ihr Verhalten gesellschaftlich nicht akzeptiert ist und versuchen deshalb ihr Ritzverhalten zu verbergen. Eltern sollten aufmerken, wenn ihr Kind sich plötzlich weigert, bei warmen Temperaturen kurzärmelige T-Shirts oder Shorts zu tragen, denn geritzt wird meistens an Armen und Beinen, weil diese Körperteile gut zugänglich sind. Auch die Weigerung zum Schwimmen zu gehen, am Sportunterricht teilzunehmen oder die Weigerung eine Gemeinschaftsdusche zu benutzen, können Warnsignale sein – ganz besonders dann, wenn dies alles bisher unbefangen möglich war. Auch emotionale Warnsignale können ein Hinweis sein, z. B. wenn ein Kind oder Jugendlicher ein anderes Rückzugsverhalten zeigt als bisher und sich weigert darüber zu sprechen. Manchmal gelingt es einem Ritzer nicht, jegliche Spuren seines Ritzverhaltens zu verbergen. Werden sie gefragt, woher die Narben stammen, erklären sie oft es seien “Kratzer”, die sie sich beim Spielen mit dem Haustier, bzw. beim Spielen mit dem Haustier von Freunden zugezogen haben. Auch andere zunächst plausibel klingende Erklärungen werden vorgebracht. Eltern sollten auf jeden Fall misstrauisch werden, wenn die Narben nicht wie Zufallskratzer aussehen, sondern parallel angeordnet sind und regelmäßig über einen längeren Zeitraum immer wieder zu beobachten sind.

Wo können Eltern und Betroffene Hilfe finden?

Ritzen sollte in jedem Fall ernst genommen werden. Möglicherweise können Eltern im Gespräch mit ihrem ritzenden Kind herausfinden, warum es dieses Verhalten zeigt. Ist es ein Hilferuf, der Versuch einer (missglückten) Kommunikation über diese sichtbaren Zeichen? Oder ist es Neugier, ein Nachäffen, hat es den Charakter, Dazugehörigkeit zu einer gleichaltrigen Gruppe zu bekunden. Soll es anderen Überlegenheit signalisieren oder schockieren? Falls das Kind im Gespräch mit den Eltern abblockt und die Kommunikation verweigert, sollten andere Möglichkeiten Zugang zum Kind zu finden in Betracht gezogen werden. Fest steht: Kinder und Jugendliche, die sich aus Verzweiflung ritzen, brauchen unbedingt Hilfe. Hilfe, die Eltern und Familie in diesem Fall nicht alleine leisten können! Angehörige sind in diesem Fall überfordert. Deshalb ist es wichtig, sich ohne falsche Scham fachlichen Rat einzuholen. Der erste Schritt wäre beispielsweise, sich an die zuständige Erziehungsberatungsstelle oder den Kinderarzt / Hausarzt der Familie zu wenden. Diese professionellen Helfer können dann weitere Maßnahmen einleiten. Ein Arzt kann, wenn notwendig, eine Überweisung an einen Kinder- und Jugendtherapeuten ausstellen. In schwerwiegenden Fällen ist eine psychotherapeutische Behandlung möglicherweise nicht ausreichend und eine Überweisung an einen Kinder- und Jugendpsychiater wird notwendig. In extremen Fällen kann ein stationärer Aufenthalt die Hilfe bieten, die gebraucht wird.

Wichtig ist es, dem Kind die bestmögliche Unterstützung zu geben, die es braucht, um frühzeitig vom selbstverletzenden Verhalten wieder loszukommen. Damit hat es die Möglichkeit, andere Bewältigungsstrategien für Stress und überfordernde Situationen kennenzulernen. Dies ist nur mit der richtigen professionellen Unterstützung möglich.

Außer der psychologischen, bzw. psychiatrischen Hilfe, die Eltern für ihr Kind in Anspruch nehmen, sollten sie auch auf die medizinische Versorgung achten. Wie bereits erwähnt findet das Ritzen gelegentlich auch in der Clique, also gemeinschaftlich statt. Das kann auch bedeuten, dass Ritzer gemeinsam benutzen, was gerade zu Hand ist: Sie reichen die Rasierklinge, die Glasscherbe, das Messer in der Runde weiter. Eltern sollten mit ihrem Hausarzt darüber beraten, ob eine Impfung gegen Wundstarrkrampf oder Hepatitis sinnvoll ist, um eine entsprechende Infektion und ihre Folgen zu verhindern.

Welchen Erfolg kann die Expertenhilfe bringen?

Die Aussichten, vom Ritzverhalten loszukommen, sind nach Einschätzung von Experten ziemlich gut. So berichteten auf dieses Störungsbild spezialisierte Therapeuten von erfolgreich beendetem Ritzverhalten in ca. 70 – 80 % der Fälle – sofern eine professionelle Unterstützung nicht zu lange herausgezögert wurde.

Selbsthilfe

Für Ritzer finden sich verschiedene Vorschläge, wie sie dem Impuls sich ritzen zu müssen, widerstehen können:

  • sich mit einem Gummiband schnicksen
  • Eiswürfel auf die Haut drücken
  • eine kalte Dusche nehmen
  • sich mit Sport abreagieren
  • statt zu schneiden, mit rotem Stift eine Linie auf die Haut malen
  • schreien
  • einen Boxsack benutzen
  • die Gefühle zu Papier bringen: Tagebuch schreiben oder malen
  • schnitzen statt ritzen: Ein Stück Holz oder Speckstein bearbeiten
  • die “Nummer gegen Kummer” anrufen

Bleiben die Narben für immer?

Da das Ritzen gesellschaftlich stigmatisiert ist, machen Eltern sich häufig Sorgen, ob ihr Kind im späteren Leben Nachteile durch das Ritzverhalten hat. Diese Sorgen sind berechtigt, denn manche Narben sind auffällig oder entstellend und können im sozialen Umfeld die Fragen nach dem ‚Warum und Woher’ aufwerfen. Wer möchte schon seinem Arbeitgeber oder zukünftigen Kollegen erklären müssen, ein Ritzer gewesen zu sein? Inzwischen gibt es jedoch Möglichkeiten, zum Beispiel durch Laserbehandlung, Narben gänzlich zu entfernen oder wenigstens zu modifizieren. Eine der Kliniken, die die Entfernung von Ritznarben auf ihrer Indikationsliste hat, ist zum Beispiel die Hansaklinik in Dortmund.

Beratung finden Sie hier.

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